Das ideale Pferd in der tiergestützten Arbeit – Gedanken zur Ausbildung

Wer mit Pferden und Menschen arbeitet, sei es therapeutisch, reit- und voltigierpädagogisch oder einfach als tiergestütztes Freizeitangebot, der weiß, wie wichtig es ist einen verlässlichen und gut ausgebildeten Partner Pferd an seiner Seite zu haben. Doch wie soll diese Ausbildung aussehen? Wie kann ich mein Pferd lange gesund und ihm die Freude an der Arbeit erhalten?

Ich bin integrative Voltigier- und Reitpädagogin und habe mit dieser Qualifikation einige Jahre selbstständig erfolgreich gearbeitet. Ziel dabei war immer, Kindern das Wesen Pferd in all seinen Facetten nahe zu bringen und einen Rahmen zu schaffen, der jedem Kind die Möglichkeit gibt, das großartige Gefühl der Verbundenheit mit dem Tier und der Natur selbst zu erspüren. Natürlich kamen dabei auch Spiel und Spaß nicht zu kurz und es wurde in den Stunden auch viel Praktisches gelernt wie z.B. Halftern, Pferde führen, richtig putzen und Satteln sowie erste Reit- und Voltigieranfänge erprobt.



Da ich in meiner Arbeit viele Pferdepersönlichkeiten kennen lernen durfte, haben sich für mich wichtige Punkte in Bezug auf Ausbildung, Handling, Beziehungsarbeit und praktischem Arbeiten herauskristallisiert die ich heute gerne mit euch teilen möchte. Diese Ausführungen entsprechen meiner persönlichen Sichtweise und können natürlich für jedes Pferd/Mensch-Paar ein wenig anders aussehen – wie bei allen Artikeln im Internet möchte ich auch hier anmerken: Bleibt kritisch und achtsam und nehmt euch heraus was euch gefällt, es gibt nicht nur die eine Wahrheit für die Ausbildung eines Lebewesens.


Doch zurück zum Eigentlichen: Was sollte ein Pferd idealerweise können & kennen, welches in der Reit- und Voltigierpädagogik eingesetzt wird?


Ausbalanciert laufen können und geradegerichtet sein Sowohl beim Reiten als auch vor allem beim Voltigieren und damit verbundenen Longieren, ist die natürliche, angeborene Schiefe und die dadurch entstehende Art beispielsweise einen Kreisbogen zu laufen, sofern sie nicht korrigiert wird, ein unökonomisches und auf Dauer gesundheitsschädliches Bewegungsmuster.


Pferde werden in Links- und Rechtshänder unterschieden und können sich je nach Händigkeit besser oder schlechter biegen um eine Kreisform zu bewältigen (Jede Ecke ist ein Viertelkreis, jeder Zirkel, Schlangenlinien... etc.). Dabei wird zwischen der hohlen und der steifen Seite unterschieden. Muss das schiefe Pferd nun auf seiner steifen Seite einen Zirkel laufen, fällt es auf seine innere Schulter, der Zirkel wird durch das Pferd verkleinert und der Kopf nach außen genommen um in Balance zu bleiben. Auf der hohlen Seite hingegen wird das Pferd den Zirkel vergrößern, seine äußere Schulter mehr belasten, Zentrifugal- und Scherkraft tragen den Körper nach außen – die Hinterhand bricht aus. Oftmals hängen diese Pferde mit abgebogenem Hals im Kappzaum und man hat das Gefühl die ganzen 500kg zu zentrifugieren.


Das Gefühl ständig die Balance zu verlieren bedeutet für das Tier oftmals auch psychischen Stress und verleitet viele Pferde dazu, noch schneller zu laufen oder aber zur Schnecke zu mutieren wo keine Hilfen mehr durchkommen. Das in so einem Setting mit einem verspannten, schiefen, vielleicht sogar eilig laufenden Pferd kein angenehmes Tragegefühl für den kleinen Reiter/Voltigierer möglich ist, sollte an dieser Stelle klar geworden sein. Ebenso wird es schwierig sich auf den Menschen am Pferd zu konzentrieren wenn man ständig damit beschäftigt ist, das Pferd auf dem Zirkel zu halten.


Der "Schiefenausgleich" fürs Pferd verlangt von Pferd und Mensch viel Geduld, Zeit und kleinschrittige Arbeit um den Muskeln genug Zeit zur Veränderung zu geben. Belohnt wird man jedoch mit einem sich harmonisch bewegenden Pferd, welches dem kleinen (oder auch großen) "Reiter" ein bequemes, stabiles Reitgefühl schenkt und zudem den Bewegungsapparat des Pferdes vor frühzeitigem Verschleiss schützt.



Gefühl für den eigenen Körper und die 4 Beine bekommen Wo fange ich an und wo höre ich auf? Und wo sind eigentlich gerade all meine Beine? Wer schonmal mit einem jungen Pferd gearbeitet hat, wird schnell sehen, dass das gar nicht so klar ist. Um sich aber umsichtig bewegen zu können, eine korrekte Körperwahrnehmung und damit auch Selbstvertrauen und Selbstsicherheit in der Bewegung zu haben, ist es gut dem Pferd ein Gefühl für seinen eigenen Körper zu geben. Dazu eignen sich sehr schön die Techniken von Linda Tellington-Jones wie z.B. das Körperband, welches in verschiedensten Varianten verwendet werden kann. Dort, wo sich die Bandage am Pferdekörper befindet werden Nervenbahnen angesprochen, die dem Pferd bei der Körperhaltung und dem Körpergefühl helfen. So kann eine Bandage um die Hinterhand und Vorderhand gewickelt, dem Pferd ein rahmendes Körpergefühl geben, seine Balance und Hinterhandaktivität verbessern und die Konzentrationsfähigkeit steigern. Beachtet hierbei, anfangs nur einige Minuten damit zu arbeiten und das Ganze langsam zu steigern – diese Arbeit vom Pferd als sehr intensiv empfunden werden.


Für ein „erdendes“ Gefühl der Beine eignet sich der Python-TTouch, bei dem man mit beiden Händen das Pferdebein umgreift und die Haut sanft ein kleines Stück für 2 Sekunden nach oben hebt und wieder runter gleiten lässt. Danach greift man ein kleines Stück tiefer und wiederholt diese Übung bis man am Fesselgelenk angekommen ist. Bei all diesen Übungen sollte man sicherstellen, dass das Pferd eine Berührung an den Beinen zulässt und keine Angst bekommt oder gar tritt. Daher ist es ratsam erst mit einer Gerte sanft und ruhig die Beine von oben bis unten abzustreichen, anschließend mit flachen Händen sanft die Beine abzustreichen und erst dann mit kräftigeren TTouches zu beginnen.


Eine weitere schöne Übung um die Koordination der Beine zu fördern, ist das langsame Übertreten lassen über eine (idealerweise Soft)Stange. Dabei soll jedes Bein einzeln über die Stange gehoben und auf der anderen Seite abgestellt werden. Dabei ist darauf zu achten, seitlich neben dem Pferd zu stehen und nicht direkt davor, denn viele Pferde bekommen es mit der Angst zu tun wenn sie über der Stange zum Stehenbleiben aufgefordert werden und retten sich mit einem Satz nach vorne. Mit dieser und vielen weiteren Übungen aus dem propriozeptiven Training, wird die Körperwahrnehmung, Tiefensensibilität und ebenso Aufmerksamkeit auf die Signale des Menschen gefördert. Ziel kann und sollte es auch hierbei sein, mit möglichst feiner Körpersprache sein Pferd zu dirigieren.



Eine einheitliche Hilfengebung mittels Stimme und Gesten kennen Diesen Punkt finde ich sehr wichtig, weil er auf Distanz wie z.B. beim Longieren gute Kommunikation mit dem Pferd ermöglicht und feines Arbeiten, auch wenn man gerade keine Hand frei hat, umsetzbar ist. Gerade für Kinder – die in ihren Bewegungen oft noch etwas unkoordiniert sind – empfinde ich das Stimmsignal als zielgerichteter und leichter umsetzbar. Als Beispiel könnte man hier das Anhalten des Pferdes mittels langgezogenem „Haaaaaaalt“ oder „Hoooh“ aufführen. Idealerweise wird das Ganze noch durch eine Geste wie z.B. dem Zeigen einer „Wand“ vor dem Pferdekopf mittels ausgestrecktem Arm oder ausgestreckter Gerte ergänzt.


Am wichtigsten bei diesem Punkt finde ich jedoch wirklich die Einheitlichkeit der Hilfengebung, gerade wenn mehrere Menschen mit dem Pferd arbeiten sollte man umso klarer und präziser sein. Sonst habt ihr schnell ein Pferd, welches auf Durchzug stellt und auch die wichtigen Signale überhört, was wiederum ein Mehr an Hilfen erfordert und jeglichen feinen Dialog zunichte macht.


Mein eigenes Pferd hat für das Erlernen verschiedener Signale wie im Schritt losgehen („Scheritt“), das Antraben („Terab“) sowie das Anhalten („Hoooh“) und das Rückwärtsrichten („Zuuurück“) irrsinnig vom Clickertraining profitiert, in kürzester Zeit war die Connection da. Ich kann mir vorstellen, dass auch das „Installieren“ eines stimmlichen „Notstopps“ mittels Clicker möglich ist, dies könnte gerade bei frei gerittenen Reitpädagogik Einheiten nützlich sein.


Kopf tief – zum Entspannen und leichteren Aufhalftern für kleine Menschen Kleine Kinder, große Pferde. Selbst wenn sie wollten, würden viele das Halfter und/oder Zäumung jeglicher Art nicht auf den Kopf bekommen. Ja, oft gibt es Ausnahmen und dann wird gewurschtelt und gezogen während das Halfter an einem Ohr baumelt, nicht unbedingt ein Spaß fürs Pferd. Oder aber es wird mit Leckerlie der Kopf runter gelockt, gerade in Offenstallhaltung mit vielen futterinteressierten Pferden und möglichem Futterneid kein so ungefährliches Unterfangen für ein Kind.


Daher empfehle ich an dieser Stelle Clickertraining um ein Kopf senken bis zum kompletten Aufhalftern zu ermöglichen. Diese Übung kann auch wunderbar als Entspannungstraining genutzt werden um das Pferd in beängstigenden Situationen zu beruhigen und geistig bei sich zu behalten.


Kurz zur Erklärung: Ein ängstliches Pferd trägt den Kopf hoch, ist angespannt, atmet kurz und schnell, reisst die Augen auf und ist jederzeit bereit zur Flucht. Es steht unter dem Einfluss des Teils des vegetativen Nervensystems, der Sympathikus heißt. Dieses instinktive Verhalten hat dem Pferd das Überleben gesichert und ist daher völlig natürlich. Ein entspanntes Pferd hingegen, trägt den Kopf gesenkt, die Atmung ist ruhig und tief, das Auge entspannt – das Pferd befindet sich im Zustand des Parasympathikus. Mit der Übung „Kopf tief“ kann man das Pferd gewissermaßen wieder „runter kommen lassen“, es in einen Zustand bringen in dem es dem Menschen wieder vertrauensvoll zuhören kann und nicht kopflos seinen Instinkten folgt. So lassen sich furchteinflössende Situationen entschärfen und mit der nötigen Distanz beobachten um dann festzustellen, dass einen der bellende Hund oder die fliegende Plastiktüte tatsächlich nicht fressen möchte.


Anti-Schrecktraining & Gewöhnung an sämtliche Bewegungen am und rund ums Pferd Wer mit Kindern und Pferden arbeitet muss auf alles vorbereitet sein. Kommt dann auch noch der spielerische Aspekt mit diversen Materialien und Gegenständen hinzu, wird es für das unerfahrene Pferd eine echte Herausforderung. Daher ist frühes Vertrautmachen mit diversen Gegenständen und Situationen unumgänglich.





Diese könnten sein:

  • weiche Bälle die über, unter das Pferd fallen, die der Reiter fängt und weiterwirft (die im schlimmsten Fall sogar das Pferd treffen könnten)

  • Planen & Matratzen zum Darüberlaufen

  • Reifen

  • Regenschirme

  • Bänder

  • Bänder-Vorhänge

  • Rasseln

  • diverse ungewohnte Geräusche am Rücken der Pferde, Geräusche von herabfallendem Gegenständen

  • Gerten die herumwirbeln

  • Verschiedenste Voltigierübungen wie Knien, Stehen, schnellere Bewegungen wie Schere oder Flanke wo man seitlich vom Pferd aufkommt

  • Berührungen an allen Körperteilen sollten möglich sein – findet heraus wo euer Pferd eventuell kitzelig ist, um dementsprechend auch die Kinder beim Pferdeputzen darauf zu sensibilisieren

An dieser Stelle möchte ich wieder auf Clickertraining als eine Möglichkeit des Trainings hinweisen. So verknüpft das Pferd schnell Ungewohntes mit Belohnung und wird auch in Zukunft in neuen Gegenständen eher eine Möglichkeit sehen sich etwas zu erarbeiten, als einen Grund die Flucht zu ergreifen.



Einparken lernen an Aufstiegsplätzen Unverzichtbar um kleine und große Reiter rückenschonend (für Mensch und Tier) auf und vom Pferd zu bekommen ist eine Aufstiegshilfe. Das Pferd sollte in der Lage sein, möglichst nah an der Treppe anzuhalten und dort ruhig zu warten bis es das Signal zum Losgehen bekommt.

Auch hier kann wieder wunderbar mit Stimmkommandos und Clickertraining geübt werden. „Einparkprofis“ können das Einparken an erhöhten Aufstiegsplätzen auch im Gelände trainieren und beispielsweise nah an gut befestigten Baumstämmen, Bänken und dergleichen einparken. Sollte ein Kind im Gelände absteigen/aufsteigen müssen kann solch ein gelerntes sicheres Einparken, Gold wert sein.



Freizeit haben Soviel Spaß die Arbeit mit Pferd und Kindern dem Menschen macht, es ist dabei nicht zu vergessen dem Pferd auch wirklich ausreichend artgerechte Freizeit zu gönnen. Auch Pferde können ein Burnout erleiden wenn sie nicht die Möglichkeit zur Erholung bekommen.


Das muss nicht zwangsläufig an schwerer körperlicher Arbeit liegen, nein, auch geistige Arbeit und psychische Belastung in der Arbeit mit Menschen sind nicht zu unterschätzen. Zu bedenken ist, dass das Pferd sich pro Tag oft auf zahlreiche unterschiedliche Menschen einstellen muss. Kein leichtes Unterfangen wenn man bedenkt, dass jede Person auch bei Absprache trotzdem ein klein wenig anders kommuniziert. Selbst wenn man einheitliche Stimmsignale gibt, so bleibt doch noch als großer Faktor die unterschiedliche Körpersprache, die oft etwas ganz anderes mitteilt als das gesagte Wort.



Für das Pferd ist es eine große Herausforderung all diese unterschiedlichen Signale zu lesen und richtig zu interpretieren. Daher, gönnt euren Pferden ihre freie Zeit und bleibt aufmerksam wenn sich erste Anzeichen von Erschöpfung oder Unwohlsein einschleichen. Lieber eine Pause mehr gemacht als ein saures Pferd, welches nicht mehr mitarbeiten möchte.


Zusammenfassend bleibt zu sagen, dass in der Ausbildung stets das Bestreben herrschen sollte, die natürliche Neugier, Offenheit und Kontaktfreudigkeit des Pferdes sowie das Interesse am Menschen durch positiv gestaltete Arbeit zu erhalten. Dazu gehört ausgiebiges Loben und eine Arbeitsweise die jeden richtigen Ansatz fördert und nicht jeden falschen bestraft.


Das Pferd hat durch und durch als Lebewesen mit Rechten gesehen werden, das auch einmal einen schlechten Tag haben kann und sein Befinden in einem angemessen Rahmen kundtun darf. Nur wenn eine beidseitige Kommunikation möglich ist, können wir tatsächlich von einer fairen Partnerschaft sprechen. Ihr würdet eurem menschlichen Partner ja auch nicht ständig den Mund verbieten und dann jedem von eurer tollen vertrauensvollen Beziehung erzählen.

Das gute alte „Der verarscht dich doch“ gibt es nicht. Ja, Pferde sind energiesparende Lebewesen, so hat die Natur sie konzipiert. Was nicht muss, muss nicht, es sei denn die Motivation ist angemessen. Und genau für jene Motivation zu sorgen, das Miteinander so wertvoll zu gestalten, dass es belohnend, angenehm und erstrebenswert für das Pferd ist, das sollte unser Ziel sein. So entwickeln sich Pferde zu offenen, neugierigen, freundlichen und vertrauensvollen Partnern, die mit einem arbeiten und nicht nur für einen. Und dann ist die Magie möglich die sich jeder kleine und große Pferdefreund so wünscht, dieses „Eins sein“, sich im Einklang bewegen, sich in die Augen schauen und wissen, das Pferd sieht mich.



Du bist Reit- bzw. Voltigierpädagoge und auf der Suche nach Unterstützung? Du möchtest Feedback und Input für deinen Stundenaufbau, dein Equipment oder benötigst eine helfende Hand in der Ausbildung und Vorbereitung deiner Pferde? Dann melde dich gerne bei mir.

10 Ansichten0 Kommentare